Kapitel I: Die Aprilgeschichte

Im April 1980 hatte deine Großmutter eine Möglichkeit gefunden, wie ich auf dem Seeweg über die Grenze aus dem Land flüchten konnte. Gegen eine Anzahlung von zwei und die restlichen drei Goldbarren vor dem Einsteigen in das Boot durften ich und deine Oknel Hiệp und Đức mit dem Bus nach Sóc Trăng, eine Stadt am Mekong-Delta, anreisen und dort einer Gruppe weiterer vietnamesischen Flüchtlinge anschließen.

Um nicht aufzufallen, wurde uns gesagt, dass wir uns tarnen sollten, um wie einheimische Dorfbewohner auszusehen. Wir sahen eher wie Bettler aus, das heißt, wir trugen lädierte Kleidung mit vielen Flicken, etwas Geld in der Tasche und nur einen Satz Wechselkleidung als Gepäck. Wenn ich jetzt zurückblickte, fand ich, dass es eine völlig sinnlose Tarnung war, denn egal wie wir uns bemühten, aufgrund unseres Aussehens, unseres Ganges, unserer Sprechweise, unseres Akzents usw. ließ es sich sehr leicht erkennen, dass wir aus der Stadt kamen.

Wir wurden in Sóc Trăng am Busbahnhof von ein paar Männern abgeholt und zu einem provisorisch gebauten Haus mit Lehmwänden gebracht. Sie gaben uns etwas zu essen und zu trinken, ließen uns im Haus sitzend und wartend, bis es dunkel wurde. Dann wurden kleinere Gruppen gebildet und sie gaben uns per Handzeichen zu verstehen, dass wir ihnen folgen sollten. Niemand wagte es, mit irgendjemandem ein Wort auszutauschen, weil man uns davor gewarnt hatte, dass wir als „Saigonnaisen auf der Flucht aus dem Land“ enttarnt würden.

Ich habe mein Zeitgefühl völlig verloren. Meine Blicke klebten an Onkel Hiệp’s Ferse, teils aus Angst, sich zu verlaufen, teils, weil die Umgebung von lauten Bäumen und Flüssen umgeben waren, und ich nicht sehen konnte, wo der Weg war. Es war so schwer, auf das zerbrechliche, wackelige Boot am Flussufer zu klettern, nicht so leicht und sicher wie damals bei unserem Urlaub in Hội An, wo wir in das Fischerboot für Touristen stiegen. Ein Junge flehte Onkel Hiệp an, seine Schwester auf dem Rücken zu tragen, weil sie behindert war und nicht waten konnte.

Kurz vor der Meeresmündung war die Gruppe erneut gezwungen, zu waten, um auf ein größeres Boot zu klettern. Frauen und Kinder wurden in das Unterdeck getrieben, Männer drängten sich auf dem Oberdeck zusammen. Ich schätzte, dass mehr als fünfzig Personen wie Sardinen auf dem Boot gepresst wurden. Auf dem von den Cap Anamur Mitarbeitern aufgenommenen Foto könnte man meinen, dass das Boot etwa 10 Meter lang war. Ich konnte die stickige Luft im unteren Deck nicht ertragen, daher kletterte ich auf das Oberdeck und blieb am oberen Ende des Bootes.

Ich verließ mein Heimatland und hinterließ Familie, Verwandte, Freunde, Erinnerungen …, fuhr ohne Ziel auf das offene Meer hinaus und nahm nur einen Traum von einer freien, strahlenden Zukunft mit. Ich weinte nicht, aber ich fühlte, wie mein Herz voller Trauer war, als die Entfernung zwischen dem Boot und dem Festland immer größer wurde, bis rundherum ein riesiger, schwarzer Ozean war, kein Mond, nur funkelnde Sterne im Himmel.

Im März gehen alte Frauen auf hoher See.

Diese vietnamesische Redewendung besagt, dass der dritte Monat des Mondkalenders die Jahreszeit ist, wo das Meer sehr ruhig und es kaum zu befürchten ist, dass Wellen das Schiff kentern lassen könnten, was auch wahr war. Das Meer war ruhig wie ein Schwimmbecken ohne Besucher, wir konnten bis zum fernen Horizont geradeaus blicken. Zum ersten Mal in meinem Leben verstand ich, was „das Leben hängt an einem dünnen Seidenfaden“ bedeutete. Schon bei einer leichten Welle würde dieses Boot, so winzig und zerbrechlich wie ein Blatt im Ozean, kentern. Man kann tausende Goldmedaillen im Freistil-, Kraul-, Schmetterlings-, Rückenschwimmen etc. gewonnen haben, gegen das Meer war man machtlos und ich wäre eine köstliche Beute für die Fische, die sorgenfrei auf der Meeresoberfläche planschten.

Von Zeit zu Zeit bekam jeder Bootsinsasse etwas zu essen. Ich konnte mich nicht genau erinnern, ob es kalter Reis oder trockenes Brot war. Ich kaute sehr lansgsam und sparsam. Die Trinkportion war ein Schluck Wasser aus dem Deckel eines leeren 10-Liter-Ölkanisters aus weißem Plastik, der – nachdem das gesamte Öl vor der Abfahrt in den Schiffsmotor entleert wurde – mit brackigem, trübem Flusswasser gefüllt war. Ich hatte das Gefühl, dass ich fauliges, öliges Wasser trank. Dieses Gefühl hat mich bis heute verfolgt. Jedes Mal, wenn ich den scharfen Geruch von Aprikosenblättern in manchen Gerichten entdeckte, der wie übles Öl riecht, erinnere ich mich an die Wasserschlückchen auf diesem Schiff.

Auch wenn wir wenig Wasser tranken, arbeitete der Körper fleißig daran, den Urin zu filtern und auszuscheiden. Die Männer hatten es einfach, sie erleichterten sich einfach ins Meer. Ich, wie die anderen Frauen auch, hatte „für kleine Mädchen“ die einzige Möglichkeit, sich an Ort und Stelle zu erledigen. Aber der Geruch von üblem Öl war zu einem natürlichen EdT (Eau de Toilette) geworden, der so dominant war, dass der Ammoniakgestank nicht wahrnehmbar schien. Es könnte aber auch daran liegen, dass mein Geruchssinn mit zunehmender Intensität der Sonneneinstrahlung allmählich gelähmt wurde.

Wenn ich zu müde war, klammerte ich mich mit einer Hand an einen Haken an Deck, damit wenn ich einschlief, nicht über Bord rollte. Weißt du, meine alleliebste Tochter auf der ganzen Welt, die Menschen haben einen angeborenen Überlebensinstinkt. Immer wenn ich kurz vor dem Einschlafen war, und meine Hand sich vom Haken lockerte, wachte ich plötzlich auf, oder jemand berührte mich, weil das Boot hin und her schaukelte.

So trieb das einsame Boot zwei Nächte lang auf dem Meer. Am dritten Tag, gegen Mittag, tauchte weit weg am Horizont plötzlich ein dunkler Fleck auf. Alle Bootsinsassen an Deck, mich inbegriffen, standen auf und schauten zu, bis der schwarze Fleck größer wurde und eindeutig wie ein Hubschrauber aussah, der direkt auf das Boot zuflog. Ein Mann sprach über den Lautsprecher etwas auf Englisch. Mein Englisch reichte damals gerade sowie z.B. „How are you?“ „I’m fine, thank you“, aber ich habe vage verstanden, dass sie uns retten würden, und wies unseren Bootsfahrer an, wie er das Boot mit sicherem Kurs schrittweise an das Frachtschiff heranzuführen hatte, um nicht von den Bugwellen gekentert zu werden. Im Vergleich zu unserem war das Cap Anamur Schiff eine Riese.

Als sich das kleine Boot an der Seite des Frachtschiffes befand, ließen die Matrosen – die meisten von ihnen Filipinos – Seile mit Planen herab, um Kinder und Frauen hochzuziehen, die zu schwach waren, über die Strickleiter auf das große Schiff zu erklimmen.

Boat People wurden 1980 von dem Frachtschiff Cap Anamur aufgenommen / Archivbild 80er

Während der Rettungsaktion der Frauen und Kinder holten die Bootsbesitzer Kokosnüsse aus ihrer Kajüte heraus, hackten sie und tranken genüsslich die Kokosmilch. Ich sah Wassermelonen, Essen und Getränke, aufgestapelt in ihrer Kabine. Mein Herz raste vor Wut, als ich mich an das trübe, brackige und nach üblem Öl riechende Flusswasser erinnerte. Doch dieser Zorn währte nur kurz, denn die Matrosen gaben mir ihr ein Zeichen, dass ich an der Reihe sei, sich auf die Strickleiter vorzubereiten.

Auf dem Frachtschiff angelangt, bekam ich Wasser zu trinken und eine heiße Suppe. Ärzte und ehrenamtliche Helfer und Helferinnen kümmerten sich fürsorglich um uns. Ich schaute sie an und dachte, sie wären Engel ohne Flügel, nur mit zwei liebevollen Händen, die sich öffneten, um mich im Paradies auf Erden willkommen zu heißen. Die Zeit auf dem Cap Anamur – nachdem wir gerettet wurden, kreiste das Schiff noch einige Tage auf das Südchinesische Meer herum, um viele weitere Boote zu retten – war die unbeschwerteste Zeit meines Lebens, ohne Angst vor Hunger, Durst oder Tod, ohne Sorgen, tagsüber toben, herumspringen auf Deck, Schwärme von silbernen Seebrassen im Sonnenlicht beobachten, nachts das Lichtspiel bewundern, wie Tausende von hell leuchtenden Sternen auf dem dunklen Ozean sich spiegelten. Ich fühlte mich wie ein Astronaut, der im Weltraum das Universum bereiste. Eine glänzende Zukunft wartete auf mich irgendwo in einem fernen Land.

Nachdem das Schiff Cap Anamur noch ein paar weitere Boote aufgenommen hatte, und es keinen Platz mehr gab, um weitere Menschen zu unterbringen, lag es Anker im Hafen von Singapur. Wir warteten auf die Überfahrt in das Flüchtlingslager Galang auf den indonesischen Riau-Inseln, wo weitere Formalitäten zur Aufnahme in ein Drittland zu erledigen waren.

Das war die Geschichte deiner Mutter von der Flucht aus Vietnam, nichts Besonderes, Aufregendes oder Trauriges wie viele andere tragische Geschichten über das Schicksal der „vietnamesischen Boat People“ in den 80er Jahren. Du kannst sie deinen Freunden, Kindern und Enkelkindern weitererzählen, wenn sie über deine Herkunft fragen, eine gelbhäutige Person mit platter Nase, geboren und aufgewachsen in Deutschland. Oder später, vielleicht auf einer Kreuzfahrt im Pazifischen Ozean, nachts, wenn du an Deck sitzest und Tausende von Sternen am Himmel leuchtend betrachtest, wirst du dich daran erinnern, dass deine Mutter – auf der Flucht vor dem Kommunismus, auf der Suche nach Freiheit – das Gleiche getan hat, meine allerliebste Tochter auf der ganzen Welt!

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