Der Regen von Saigon

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Foto von manhhai

Schneefall ist für mich ein besonders unangenehmes Ereignis. Es ist ein Vorwarnzeichen für Winter, Kälte, Dunkelheit und … Eiskratzen, nicht so poetisch wie etwa
Du bist eine weiße Flocke,
Ein himmelentsprungenes Kind
Und wirbelst – licht und selig
Dahin durch Wolken und Wind.

(Felix Dörmann,1819-1895)

Ich bin in Saigon geboren und aufgewachsen. Dort gibt es kein Schnee. Das einzige, welches von oben herunterfällt ist … Regen. Kennt Ihr den Regen von Saigon? Es ist mir bis heute ein Rätsel geblieben, wie der Regen von Saigon in der Literatur dargestellt wird: romantisch, verträumt, der Liebe entsprungen usw. Alles Lüge !!! Der Regen von Saigon ist genauso grässlich wie der Schnee.
Das Haus meiner Oma lag nah am Zentrum der Hauptstadt. Bei jedem Regen wurde es überflutet. Der Regen von Saigon ist ein tropischer Regen: wenn es regnet, wird man im Nu nass. Der Niederschlag kommt plötzlich und spontan, angekündigt durch riesige, böse, schwarze Wolken und erschreckenden Donner. Seine Tropfen schlagen ein wie Bomben. Aus den paar Tropfen am Anfang wird schnell ein Wasserfall.
Wir Kinder liebten den Regen. Uns war es nicht so wichtig, dass er uns bis auf die Unterwäsche durchweichte. Der Regen war für uns in den heißen Sommertagen ein Geschenk des Himmels.

Als ich älter war und den Regen nicht mehr als abkühlendes Duschbad genoss, entdeckte ich seine Kehrseite. Wenn es am Himmel krachte und donnerte, musste ich meiner Oma bei der Evakuierung helfen. Mit einem Besen suchten wir nach abgestellten Sachen unter den Schränken, Tischen, Kommoden. Dann wurde alles hochgestapelt, was eventuell nass und somit ungenießbar oder unbrauchbar werden könnte: Reisurne, Herd … Ich hatte noch eine Sonderaufgabe: und zwar die Evakuierung der Lieblingskatze meiner Oma. Die Flut wird die Ratten aus ihren Löchern treiben. Ein Festmahl für die Katze, denn in der Regel musste sie dafür hart arbeiten, weil es so viele Konkurrenten in der Nachbarschaft gab. In fast jedem Haushalt wurde mindestens eine Katze, wenn nicht eine ganze Katzenfamilie, gehalten.
Der letzte Akt der Evakuierung war eher ein technischer Teil der Vorkehrung, d.h. es wurden Lappen hinter die Haustürspalte gestopft. Dies war verzweifelter Versuch, wie der Einsatz von Sandsäcken zur Deichverteidigung: das Wasser kam trotzdem uneingeladen hinein. Am Anfang konnte ich noch das Muster der Bodenfliesen sehen. Nach und nach wurde das Wasser trüber, weil es mit Abwasser gemischt war, das ebenfalls hochkam. Blubb !!! Ein verlorener Hausschuh tauchte auf. Blubb !!! Ein Spielzeug von meinem kleinen Bruder. Und unzählige im Wasser schwimmenden Kakerlaken.
Es war recht amüsant, das „dörfliche“ Hochwasser zu beobachten (so hat meine Oma es genannt, im Gegensatz zu dem jährlich wiederkehrenden Hochwasser in der Mitte Vietnams, das große Schäden anrichtet). Es sei denn, man musste aus dem Haus. Die Straßen wurden nicht nur überflutet, sie waren auch zum Beförderungsmittel von Müll aller Arten geworden. Ich verzichte hier auf die Aufzählung der im Wasserstrudeln befindlichen Müllsorten. Es könnte dem Leser das Weiterlesen erschweren. Für die Menschen auf der Straße war die Suche nach einem geeigneten Platz, um sich unterzustellen, ein bitterer Kampf.

Vor kurzem schrieb mir meine Freundin aus Vietnam: „… Es ist zurzeit nicht sehr heiß hier in Saigon. Letzten Freitag gab es ein heftiger Regen. Einige meiner Kollegen kamen erst sehr spät Abend propennass nach Hause, weil die Straßen überflutet waren. Autos, Mopeds blieben stecken. Die Gassen wurden mit Menschen bevölkert, die wie Waschlappen aussahen. Ich kann mich noch sehr gut erinnern: einmal war ich bei Dir zum Lernen, der Regen brach plötzlich ein, und ich musste mit dem Fahrrad nach Hause. Es war grauenvoll …

Wenn mich jemand fragt:
– Was ist ewig auf dieser Welt?

werde ich ohne zu zögern antworten:
– Der Regen von Saigon.

Ein Kommentar zu „Der Regen von Saigon

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