Kirschblüte

Fotograf: Nicholas N. Dang
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Ich bin geboren und aufgewachsen in Saigon, daher ist das Tet-Fest für mich ein mit der gelben Farbe der „Mai“-Blume, Blüte der Ochna serrulata, eine Pflanzengattung der Nagelbeergewächse, geprägtes Bild. Wir hatten auch so eine Pflanze auf dem Balkon. Jedes Jahr, wenn der Frühling sich näherte, sah ich wie mein Vater liebevoll die einzelnen Blätter abzupfte und jeden kleinen Ast stützte, damit genau am ersten Neujahrstag die rispenartigen Blüten mit ihrer gelb leuchtenden Pracht als Quelle für die bewunderten Blicken der Gäste dienen konnten. Es sollte Glück bringen, so eine Sage. Aber ich persönlich finde die „Mai“-Blume etwas zu dominierend. Ihre gelbe Farbe steht in Kontrast mit der roten Farbe der Kalligrafie-Schriftbilder und der satt grünen Farbe des Neujahrskuchens. Ich liebe Kirschblüten. Im Süden gibt es keine Kirschblüte. Die einzige Kirschblüte, die ich kenne, war eine Art wild wachsende Pflanze mit sehr kleinen zart rosafarbenen Blüten. Meine Mutter machte damals ihre Ausbildung zur Grundschullehrerin in Đà-Lạt – die Franzosen nannten es „Klein Paris“ – eine charmante Stadt im Hochland, etwa 300 km nördlich von Saigon mit vielen Villen in europäischem Stil. Ich erinnere mich noch heute an die kunstvolle Form der wilden Kirschblütenzweige, die mich so sehr faszinierten, dass ich meine Angst vor den engen serpentinartigen Pässen für einige Momente völlig vergaß.
Mein Großvater erzählte mir oft von den Erinnerungen an seine Heimat im fernen Norden. Ich träumte von einem farbenfrohen Blumenmarkt zum Tet-Fest. Die jungen Mädchen schlenderten in bunten traditionellen Trachtenkleidern durch die engen Gassen, und irgendwo stand mein Großvater wartend auf seine erste große Liebe mit einem Kirschblütenzweig in der Hand.
Obwohl mein Großvater vor langer Zeit nach der Teilung Vietnams in den Süden ausgewandert war, hielt er an den Bräuchen seiner Heimat fest. So gab es bei uns zum Neujahr immer die traditionellen Gerichte aus dem fernen Norden. Nur auf Kirschblütenzweige als Tet-Fest Dekoration musste er verzichten. Er erzählte mir, dass die Kirschblüten, die er kannte, wahrscheinlich aus China und mit Sicherheit nicht aus Japan stammten, da nach seiner Theorie kein Chinese von seinem „Volksfeind“ einen Kirschblütenzweig, die zugleich die Volksblume der Japaner ist, schenken ließ. Zwischen Japan und den Vereinigten Staaten besteht jedoch keine ethnische Feindschaft – bis auf eine kleine Unstimmigkeit bezüglich der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki – und so bestimmen heute die Zierkirschen die malerische Landschaft am Potomac Fluss sowie das bunte Treiben des Cherry Blossom Festival zwischen März und April in der amerikanischen Hauptstadt Washington.
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Auch in Deutschland ist das Kirschblütenfest längst Teil seiner Kultur geworden. Jedes Jahr im Mai feiern in einigen Städten Deutschlands wie Hamburg, Düsseldorf Deutsche und in Deutschland lebende Japaner gemeinsam das Kirschblütenfest. Es werden verschiedene japanische Kampfsportarten wie Judo, Karate, Sumo oder die Kunst des Bogenschießens, Kyudo, demonstriert. Verkleidete Samurai oder Manga-Figuren sind ein Augenschmaus. Der krönende Abschluss ist ein Feuerwerk im nächtlichen Düsseldorf auf dem Rheinufer und über die Alster in Hamburg.
Ich war noch nie in Japan, um mich mit dem Mythosvergleich zwischen dem Samurai und der Kirschblüte näher zu beschäftigen. Es geht dabei um das Ideal, das Leben mit einer Leichtigkeit hinzugeben, die mit dem Herabfallen der Kirschblüten verglichen wird: A flower is a cherry blossom, a person is a Samurai.
Denn die Schönheit, die die Kirschblüte aus dem zarten Rosa der Knospe, dem reinen Weiß beziehungsweise dem kräftigen Rosa der offenen Blüte und dem leisen Fall der unverwelkten Blütenblätter erstrahlt, ist so edel wie das Leben und Sterben eines Samurai.
Ich habe bisher die Hauptstadt der Vereinigten Staaten noch nicht besucht, um von dem Charme des Potomac River verführen zu lassen, wenn im Frühling die Kirschblüten blühen. Auch kann ich die Anmut der chinesischen Kirschblüte, die die weibliche Schönheit symbolisiert, nicht nachempfinden. Es wurde erzählt, dass ein Jüngling auf seinem Wanderweg ein Mädchen sah, das so hübsch wie die Kirschblüte in ihrem Garten war. Inspiriert durch ihre Schönheit schrieb er fortan ein Gedicht, hing es an ihre Haustür und ging fort. Das Mädchen verliebte sich in seine poetischen Zeilen so sehr, dass sie an Liebeskummer verstarb.
Für mich ist die Kirschblüte ein Stück Erinnerung an meinen Großvater mit den Erzählungen von seiner fernen Heimat im Norden und an meinen Fahrten entlang der mit wilden Kirschblüten geschmückten Gebirgspässe.

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