Kapitel II: Der süße Apfel

An einem schneebedeckten Winternachmittag landete Ende 1980 der gechartete Flug aus Jakarta auf dem Flughafen Hannover. Unter den Passagieren, alle „boat people“ Flüchtlinge, waren ich, deine Onkel Hiệp und Đức. Die Schneeflocken waren nur ein wenig größer als ein Regentropfen, aber das reichte aus, um mich ins Erstaunen zu versetzen, denn ich hatte noch nie zuvor Schnee gesehen. Als ich ein Kind war und im Französischunterricht ein Haus mit Schornstein und fallendem Schnee zeichnen musste, habe ich mit dem Bleistift den Himmel mit einer Schicht aschegrauer Farbe bedeckt, dann mit der Radiergummispitze des Stifts vorsichtig die Kohleschicht ausradierte, sodass kleine weiße Kreise zum Vorschein kamen. So entstand die Winterszene „Tombe la neige“ wie aus dem Lied von Adamo, der berühmte italienisch-belgische Sänger:

Tombe la neige
Tu ne viendras pas ce soir
Tombe la neige
Et mon coeur s’habille de noir

So stellte ich mir den Schnee vor, und zwar entstanden durch Bleistift und Radiergummi.

Die Flüchtlingsgruppe, größtenteils Jugendliche ohne Eltern, wurde in einen riesigen Fernreisebus umgeladen und direkt zum Durchgangslage Friedland gebracht. Auf der ganze Fahrt tauschten wir drei kein einziges Wort miteinander aus, drückten nur unsere Nasen gegen die Autoscheibe und betrachteten, eher bewunderten, die verschwommene Szene hinter Schnee und Nebel.

Auf dem Refugee Camp Galang – Pulau Galang gehört zu den indonesischen Riau-Inseln – nahm ich an einem Deutschkurs einer Schweizerin teil, die einige Stunden pro Woche ehrenamtlich arbeitete. Jedoch konnte ich nur „Guten Tag“ murmeln als eine Nonne mit einem breiten Lächeln der Flüchtlingsgruppe entgegenstürmte und auf Deutsch prasselte. Mein Kosename zu Hause war „tí Quắt“, also die „schrumpfende Kleine“, daher war die gutmütige deutsche Nonne mit ihrer massigen, übergroßen Figur in ihrem ebenso weiten schwarzen Klostergewand sehr furchterregend. Ich hatte das Gefühl, dass sie magische Stiefel trug, die ihr Flügel verliehen, denn ich musste wirklich „rennen“ um mit ihr Schritt zu halten. Für mich war alles im Lager groß, fremd aber zugleich auch schön, besonders das Bett mit seinen bauschigen Decken und Kissen, die immer nach frischer Seife dufteten, denn in den letzten acht Monaten hatte ich mich an das harte Holzbett des Flüchtlingslagers Galang oder an die dünne Schaumstoffmatratze auf dem Frachtschiff Cap Anamur gewöhnt. Das Seltsamste war die Abendmahlzeit. Es gab Schwarzbrot, das ich noch nie gegessen hatte.

In der ersten Nacht in Friedland bedeckten wir drei unsere Köpfe mit Decken, um der Kälte zu entkommen. Ich vermisste mein Zuhause sehr. Ich sehnte mich nach der Hitze von Saigon und nach dem Trubel des Kreisverkehrs „Nguyễn Huệ“ im Zentrum der Hauptstadt. Wie sehr sehnte ich mich nach einer Schüssel dampfender Nudelsuppe „Phở“. Das flackernde Feuer des Ölofens im Zimmer ließ mich in dieser Nacht nicht schlafen.

Übergangslager Friedland


Bis auf einem Tag, an dem im ganzen Lager durch Feueralarm ein Chaos herrschte, weil ich meine Kleidung auf dem Ölofen trocknete, die danach Feuer fing, war der Aufenthalt in Friedland genau das, was sein Name beschreibt: ein friedliches Land. Ruhig. Monoton. Wir drei – und die anderen vietnamesischen Flüchtlinge auch – frühstückten jeden Morgen und gingen dann zum Deutschunterricht. Nach dem Mittagessen gingen die meisten – darunter auch deine beiden Onkeln – aus Gewohnheit (wir, Vietnamesen pflegen auch Siesta am Nachmittag zu halten) ins Bett und deckten sich zum Schlafen mit Decken zu, aber vielleicht auch weil „voller Bauch studiert nicht gern“. Es gab nichts außer Kälte und grauem Himmel. Nach dem Abendessen wiederholte sich das „Ins-Bett-Gehen-Und-Decken-Sich-Zum-Schlafen-Zu“, denn im Fernsehen war alles auf Deutsch. Es klang wie das Geräusch eines rumpelnden und polternden Zuges, weik ich kein Wort verstanden habe.

Ich blieb nur kurze Zeit in Friedland und wurde dann in das Lager Nazareth in Norddeich-Norden verlegt, eine kleine Stadt nahe der Nordseeküste. Der Wind pfiff mir um die Ohren. Obwohl ich einen Parka bekam, eine Art Jacke mit sehr dickem Futter, fror ich wie ein Schneider jedes Mal, wenn ich aus dem Haus ging. Ich fürchte mich nur vor der Kälte. Jeden Tag musste ich mindestens dreimal gegen sie kämpfen, denn obwohl der Bungalow, in dem wir drei untergebracht waren, auch eine Küche hatte, fanden alle Mahlzeiten, Aktivitäten, Deutschunterricht, die Sonntagsmorgenmesse usw. im Hauptgebäude in der Mitte des Lagers statt.

Nazareth mit den Hexagon-förmigen Bungalows


Nazareth war für mich sehr öde, nichts los. Erinnern du dich als wir den Sommerurlaub an der Nordsee verbrachten und bei dieser Gelegenheit einen Abstecher nach Norddeich gemacht haben? Du jammertest:

– Sollte es ein Ferienort sein, Mama? Hier gibt es nichts.

Genau aus diesem Grund freuten wir uns jedes Mal riesig, wenn ein Ausflug zum Stadtzentrum organisiert wurde, oder wir drei, ab und zu, den Deutschunterricht schwänzten und per Anhalter fuhren, also am Straßenrand mit dem Rücken zur Fahrtrichtung standen und mit hochgehaltenen Daumen gestikulierten, um vorbeifahrende Autos zum Anhalten zu bewegen, damit sie uns nach Norden Zentrum mitnahmen. Ich war glücklich wie bei unserem Neujahrsfest (nach dem Mondkalender), da ich die viele Lichter der Stadt sehen konnte, besonders zu Weihnachtszeit. Jedes Geschäft sah hell und luxuriös aus, mit überfüllten Vitrinen mit Waren, Süßigkeiten und Geschenken.

Die Deutschlehrerin war auch nicht weniger „riesig“ als die Nonne im Durchgangslager Friedland. Ihre Stimme war laut und ihr Lachen glockenhell. Vielleicht fiel mir deshalb das Deutschlernen leicht, da sie jedes Wort klar und deutlich aussprach.

Die Lehrerin:
– Die Frau kauft Saft.
Onkel Đức war sehr humorvoll und wiederholte:
– Đi phao cầu xập (was auf Deutsch übersetzt bedeutet: Nimm Rettungsring, Brücke kaputt).

Das Lustigste war ein Mädchen, das im Unterricht neben mir saß und Wörter mit Anfangskonsonanten „n“ als „l“ aussprach und umgekehrt.

Die Lehrerin:
– Gute Nacht
Das Mädchen:
– Guốc lắc (klingt wie „Good luck“ auf Englisch)
Die Lehrerin:
– Nein, nein, nicht „good luck“, GUTE NACHT!
Das Mädchen:
– lích lai, lắc (nicht Nein, Nacht)

Nach dem Unterricht erklärte ich der Lehrerin auf Englisch, dass in bestimmten Gegenden in Vietnam „n“ und „l“ vertauscht ausgesprochen wurden. Sie lachte herzhaft, wieder glockenhell, und erzählte mir – natürlich auf Englisch, denn mein Deutsch war damals nur so gut wie „Nimm Rettungsring, Brücke kaputt“ – dass sie auch Chinesen unterrichtete, die das „r“ wie „l“ aussprechen, wie etwa „Flüh-ling-lo-le“, und sie brachte mich auch zum Lachen. Ich habe bei ihr nicht nur Deutsch gelernt, ich konnte mit ihr mein Englisch mit solchen „Small-Talk-Geschichten“ verbessern.

Die Zeiten im Übergangslager Nazareth gehörten zu den besten Zeiten meines Lebens fernab der Heimat. Nur Essen, Schlafen und Deutschlernen. Jede deutsche Lektion brachte mich meiner zweiten Heimat ein Stück näher. Ich lernte „Wie viel kostet es bitte?“. Ich wusste zu antworten woher ich kam und konnte wie ein Deutscher ausdrücken:

– Danke schön, wünsche ich Ihnen auch.

Ich verließ Nazareth an einem strahlenden Sommertag. Die Sonne schien hell in das Fenster des Fernreisebusses. Herr Roman, der Leiter von Nazareth, Herr Phúc, der Dolmetscher, die Deutschlehrerin und das Küchenpersonal winkten freundlich zum Abschied. Ich spürte, wie mein Herz für ein Bruchteil von Sekunden plötzlich schmerzte, als hätte ich gerade etwas sehr Vertrautes zurückgelassen, obwohl keiner der Menschen dort, die mir zuwinkten, meine Verwandte waren, oder denselben Nachnamen wie ich hatten. Das Gepäck, das sie für mich mit auf dem Weg gaben, war, neben einer bescheidenen Menge Deutsch, ihre Herzlichkeit, die bis heute in meiner Erinnerung bleibt.

Die tropische „süße Sternfrucht“ in meiner Heimat gibt es hier in Deutschland nicht. Ich habe noch nie eine reife, süße Sternfrucht gegessen, nur grüne, sehr sauer. Aber ich habe hier süße Äpfel, süße Birnen, süße Weintrauben und süße Kirschen gegessen.

Đỗ Trung Quân schrieb in seinem Gedicht:

Quê hương là chùm khế ngọt
Cho tôi trèo hái mỗi ngày
Quê hương là đường đi học
Con về rợp bướm vàng bay

Die Sternfrucht

Heimat ist der Sternfruchtbaum
Deren Beeren so schön wie ein Traum
Heimat ist der vertraute Schulweg
Wo der gelbe Schmetterling Dich jeden Morgen neckt

Für mich würde das Gedicht so lauten:

Heimat ist der Apfelbaum
Deren Früchte so süß wie ein Traum
Heimat ist der vertraute Schneeweg
Wo die weiße Flocke Dich jeden Morgen neckt

Ich fragte mich, ob der Dichter Đỗ Trung Quân die Gefühle eines Flüchtlings wohl versteht.

Der Apfelbaum aus unserem Garten (November 2019)

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